ÖBB-Reisezugwagen-Ausschreibung: Stand der Dinge

  • ÖBB: Gericht stoppt Mega-Vergabe von Reisezugwagen

    Andreas Schnauder, 22. August 2017, 18:45
    Siemens hat eine einstweilige Verfügung erwirkt. Im Hintergrund tobt der Kampf gegen Bombardier
    Wien – Eigentlich wollen Siemens und Bombardier ihre Verkehrssparten fusionieren. Doch obwohl die Gespräche weit fortgeschritten sein sollen, wurden Beschlüsse in den letzten Wochen verschoben. Möglicherweise sind Bedenken der Kartellhüter betreffend die neue Marktkonzentration das Problem – genau lässt sich das derzeit nicht sagen.
    Fix ist hingegen: Solange die Deutschen und die Kanadier Rivalen sind, wird mit harten Bandagen gekämpft.Auch in Österreich, wo sich die beiden Konzerne bei Bahnaufträgen regelmäßig in die Quere kommen. Das gilt klarerweise auch für den dicksten Fisch, der derzeit in heimischen Gewässern schwimmt: Die ÖBB will 21 Reisezüge beschaffen, die insbesondere im Italien-Verkehr benötigt werden.
    Die mehrere Hundert Millionen Euro schwere Vergabe ist aus zwei Gründen dringlich: Einerseits will die ÖBB nach der Übernahme des Nachtzuggeschäfts von der Deutschen Bahn den Takt nach Venedig, Bologna, Verona und Mailand erhöhen. Andererseits fahren die bestehenden Eurocity-Wagons nicht zuletzt wegen verschärfter Brandschutzbestimmungen in Italien in Richtung Abstellgleis.
    Verfahren vor Bundesverwaltungsgericht
    Daher läuft oder lief seit Monaten eine Ausschreibung für die Reisezüge – acht für den Tag-, 13 für den Nachtverkehr. Klar, dass sich Siemens und Bombardier ordentlich in Stellung brachten. Doch vorerst haben die Deutschen einen Etappensieg errungen. Das Bundesverwaltungsgericht hat einem Einspruch von Siemens gegen die Ausschreibung stattgegeben, bestätigte ein Bahn-Sprecher entsprechende Standard-Informationen.
    Mit einer einstweiligen Verfügung ist die Einreichfrist für Angebote, die bis 19. August lief, vom Tisch. Wie es weitergeht, ist vorerst unklar, zumal in der Sache selbst nicht entschieden wurde. Die Bahn habe die verlangten Unterlagen bei Gericht eingereicht, wie der ÖBB-Sprecher weiter erklärte.
    Bedenken wegen Qualität
    Grund der einstweiligen Verfügung sollen mehrere Spezifikationen in der Ausschreibung gewesen sein, die Bombardier bevorzugt hätten, wie Insider meinen. Darunter beispielsweise die Festigkeit der Wagen und die Frage der Qualität zugelieferter Komponenten. Siemens soll – salopp gesagt – angesichts der ÖBB-Spezifikationen Bedenken bei der Sicherheit der Züge angemeldet haben, ist zu hören. Unter diesen Umständen hätten die Deutschen sogar gedroht, gar nicht zu bieten.
    Im Hintergrund geht es um tausende Jobs in Österreich. Allein Siemens beschäftigt in Wien und Graz 2200 Leute in der Verkehrssparte. Bombardier verschafft sich laufend Kostenvorteile durch die Produktion in China. (Andreas Schnauder, 22.8.2017)

    Der Standard

    dr. bahnsinn - der Forendoktor

  • Wenn Bombardier jetzt ernsthaft die Fertigung nach China verlagert, kann man sich das ganze mit Siemens sparen, denn ob jetzt CRRC oder Bombardier Fahrzeuge aus China liefert ist schon egal.

    Warum man bei den ÖBB aktuell so auf den "Bombardier-Zug" aufgesprungen ist, ist mir nicht ganz klar.

  • ÖBB: Kampf um Großauftrag spitzt sich zu

    Siemens und Bombardier rittern um eine lukrative Großorder – die Bandagen waren selten so hart.

    Der Kampf zwischen Siemens und Bombardier um eine ÖBB-Ausschreibung über 160 Reisezug-Waggons in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro geht in die nächste Runde. Siemens hat gegen die Auftragsvergabe vor kurzem wegen Qualitätsbedenken Einspruch erhoben, das Bundesverwaltungsgericht gab dem statt.

    Die Bedenken von Siemens gehen laut einem Insider aber wesentlich weiter. Demnach laufe der Ausschreibungsprozess seit Dezember 2014, kurz vor der Vergabe seien die Qualitätskriterien gesenkt worden, sodass Bombardier leichter habe mithalten können. Ein Zuschlag an Bombardier wäre fast sicher gewesen.
    Neben dieser angeblichen "kurzfristigen Änderung" soll bei Siemens auch ein weiterer Punkt für Verstimmung gesorgt haben. Bei einer Vergabe an Siemens bliebe mehr Wertschöpfung in Österreich, im anderen Falle würde viel Geld an einen Bombardier-Standort in China abfließen.
    Aus Branchenkreisen hört man, dass Siemens in einem Brief an die ÖBB droht, aus dem Verfahren auszusteigen: "Wir bedauern, (dass wir) zur Wahrung der Wettbewerbsgleichheit rechtliche Schritte setzen mussten, möchten aber auch festhalten, dass wir es derzeit nicht als sinnvoll erachten, bei vorliegenden Rahmenbedingungen, ein Angebot zu legen", heißt es in dem Schreiben. Das Drohpotenzial für die ÖBB: Als Alleinbieter könnte Bombardier die Preise hochfahren.
    "Uns ist es wichtig, dass es reale Wertschöpfung in Österreich gibt", sagt Ronald Chodász, Geschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie. Fakt sei, dass Siemens eine deutlich größere Wertschöpfung in Wien als Bombardier habe. Es solle nicht der Geruch eines primitiven Protektionismus entstehen, doch müsse man sich fragen, ob das Geld für Züge, die von der öffentlichen Hand mitfinanziert werden, in China und nicht in der heimischen Wirtschaft landen solle.
    Drohgebärden
    "Das muss man in seiner Gesamtheit betrachten", sagt Chodász. Bahnbetrieb, Bestellung, Finanzierung, Industriestandort bis hin zur Ausbildung hingen eng miteinander zusammen.
    Dass beide Anbieter im Fall einer Ausschreibungsniederlage immer wieder drohen, ein Werk in Wien zu schließen, hält Chodász eher für Säbelrasseln. "Ich rechne nicht damit, dass in näch-ster Zeit etwas geschlossen wird." Da würden zu viele Zulieferer, Dienstleistungen etc. daran hängen, die Politik könnte sich das nicht leisten.
    "Uns ärgert, wenn nicht rüberkommt, dass auch wir in Österreich viel Wertschöpfung haben", sagt Simone Fankhauser, Pressesprecherin von Bombardier Österreich. Man habe mehr als 600 Beschäftigte in Wien und biete ein breites Portfolio. Zwar arbeite man mit chinesischen Unternehmen als Partner zusammen, man sei mit ihnen aber auch immer wieder in einer Konkurrenzsituation.
    Schärfer geschossen wird von einem weiteren mit dem Verfahren Betrauten. Siemens biete ein ähnliches Modell wie den Railjet an, wolle quasi das Produkt noch einmal verkaufen. Der Alu-Kasten der Bombardier-Waggons sei leichter und würde bei gleicher Sicherheit weniger Energie verbrauchen.
    Bei den ÖBB ist man über die Intensität der Auseinandersetzung überrascht. "Solche Ausschreibungen gibt es alle zwei, drei Jahre", sagt ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder. Es sei legitim, dass der Unterlegene Einspruch erhebe, bisher seien die Entscheidungen und Ausschreibungen aber immer akzeptiert worden. Rieder betont, dass das Gericht keine inhaltliche Entscheidung getroffen, sondern das Verfahren gestoppt habe und dieses nun prüfe.
    Fusion geplant
    Eigentlich basteln Siemens und Bombardier schon länger an einer Zusammenlegung ihrer Bahnsparten. "Die Verhandlungen sind schon sehr weit gediehen, und in beiden Konzern geht man davon aus, dass diese Fusion erfolgreich über die Bühne gehen wird", sagt ein Insider zum KURIER. Das Match um österreichische Aufträge zwischen dem kanadischen Konzern und dem deutschen Elektro-Riesen ist schon legendär. "Siemens ist es in der Vergangenheit eher gewohnt gewesen, in Österreich oft zum Zug zu kommen", fügt der Branchenkenner hinzu. "Die werden alle Register ziehen, weil es um die Erhaltung des Österreich- Standortes geht. Die Belegschaftsvertreter haben große Sorgen. Bei der Vergabe von Großaufträgen sind Querschüsse und Anfechtungen der unterlegenen Mitbieter heute die Regel." Nachsatz: "Im beinharten Wettbewerb um Bahnaufträge wird mit scharfen Messern gekämpft, bis einer der Konkurrenten tot auf dem Boden liegt." Diese Auseinandersetzungen kosten einen Haufen Geld.

    (kurier) Erstellt am 24.08.2017, 07:00

    KURIER

    dr. bahnsinn - der Forendoktor

  • "Uns ärgert, wenn nicht rüberkommt, dass auch wir in Österreich viel Wertschöpfung haben", sagt Simone Fankhauser, Pressesprecherin von Bombardier Österreich. Man habe mehr als 600 Beschäftigte in Wien und biete ein breites Portfolio. Zwar arbeite man mit chinesischen Unternehmen als Partner zusammen, man sei mit ihnen aber auch immer wieder in einer Konkurrenzsituation.

    Wertschöpfung der Talent 3 in Österreich bei Bombardier? Geplante Wertschöpfung bei den Wagen bei Bombardier in Österreich? Vermutlich beide Male nahe 0.

    PS: Man hat bis heute nicht ein Mal gehört, dass die Talent 3 Motoren (wie beim 1er) von TSA kommen. Bombardier fertigt wohl selber in China.

  • Wertschöpfung der Talent 3 in Österreich bei Bombardier? Geplante Wertschöpfung bei den Wagen bei Bombardier in Österreich? Vermutlich beide Male nahe 0.

    Die Presselady meint vielleicht die Wertschöpfung durch die Straßenbahn- und U6-Aufträge in Wien und durch andere Straßenbahnbetriebe (Linz etc.)

    dr. bahnsinn - der Forendoktor

  • railwaygazette.com berichtet, dass es mehrere Punkte waren die sich geändert haben:

    Zitat

    The changes included alterations to the specification for the bodyshell, the power supply for onboard electrical equipment and the use of inside or outside bearings for the wheelsets.

    Die geringere Steifigkeit war ja bereits bekannt, die geänderte on-board Energieversorgung überrascht, aber dies schaffen vermutlich beide, aber warum zum Teufel schreibt man vor ob es innen- oder außengelagerte Achsen sein müssen?
    Wobei ich da auch nicht so recht weiß, wer davon profitieren würde. Bombardier hat wohl mit dem ICE4 ein Hochgeschwindigkeits-Drehgestell, Siemens hat bis jetzt nur die "langsamen" Desiro City und Mireo damit ausgestattet, wobei auch zweiterer in einer Presseaussendung 200 km/h schafft.

  • Reisezug-Kauf: Siemens zieht Klage gegen ÖBB zurück
    Luise Ungerboeck, 4. Oktober 2017, 06:00
    Der ÖBB-Hauslieferant hat seinen Einspruch zurückgenommen, das Rennen um die Reisezugwagen ist wieder offen
    Wien – Am Ende hat Siemens offenbar doch kalte Füße bekommen. Der ÖBB-Haus- und Hoflieferant hat am Montag seinen Einspruch gegen das Vergabeverfahren der ÖBB zum Ankauf von Reisezügen im Volumen von bis zu 400 Millionen Euro zurückgezogen. Das erfuhr DER STANDARD am Dienstag in ÖBB-Kreisen und wird bei Siemens bestätigt.
    Die für Mittwoch anberaumte mündliche Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht ist damit obsolet, und die Staatsbahn kann ihre Verhandlungen im Vergabeverfahren mit den beiden Bahnausrüstungskonzernen Siemens und Bombardier fortsetzen. Als Gründe für den Rückzug werden bei Siemens Kompromisse bei technischen Details genannt, die seitens der ÖBB akzeptiert worden seien. Die für Laufruhe und Stabilität der Schlafwagens maßgeblichen Wagenkästen beispielsweise dürfen nun schwerer sein als von der ÖBB zu Beginn des Verfahrens gefordert.
    Geplanter Rahmenvertrag
    Die ÖBB will einen Rahmenvertrag abschließen, die erste Tranche besteht aus acht Tageszügen mit je neun Reisezugwagen und 13 Nachtzügen (mit je sieben Schlaf- beziehungsweise Liegewagen) vorwiegend für den Italienverkehr.
    Nicht beseitigt wurde freilich der Stein des Anstoßes, nämlich dass Bombardier im Fall des Zuschlags Rohmaterial und Teile des Rohbaus aus seinem Joint-Venture mit dem chinesischen Eisenbahngiganten CRRC beziehen würde beziehungsweise in China fertigen ließe, während Siemens zumindest die Drehgestelle für die Reisezugwagen in Österreich fertigen würde. Insgesamt gibt man den heimischen Wertschöpfungsanteil in der Siemensstraße mit 63 Prozent an, jener aus Europa belaufe sich gar auf 93 Prozent.
    ÖBB entspannt
    Die ÖBB reagierte entspannt auf den Rückzug des deutschen Elektromultis vor Gericht: "Wir sind immer davon ausgegangen, dass dem Einspruch nicht stattgegeben wird", sagt Sprecher Bernhard Rieder zum STANDARD. Dass Siemens den Einspruch zurückgezogen habe, bestätige, dass das Vergabeverfahren ordnungsgemäß und transparent durchgeführt werde. Man sei zuversichtlich, das Vergabeverfahren zügig – bis Jahresende – abschließen zu können. Ob Siemens dann noch an Bord ist, ist allerdings fraglich. Das Zurückziehen der Klage bedeute nicht, dass man am Ende tatsächlich ein bindendes Angebot abgeben werde, heißt es in der Siemens City in Wien-Floridsdorf. (Luise Ungerboeck, 4.10.2017)
    Der Standard

    dr. bahnsinn - der Forendoktor