[DE] S-Bahn-Skandal vor Gericht: Kontrolleure hängen Unschuldigen Schwarzfahrten an

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    Stand: 02.02.2024, 07:09 Uhr

    Von: Isabel Winklbauer

    Eine Betrügerbande blieb lieber zuhause, statt Fahrscheine zu kontrollieren. Dafür erfand sie Fantasie-Schwarzfahrer - mit echten Personalien.

    München - Um der S-Bahn betrügerische Fahrgäste zu ersparen, gibt es Kontrolleure. Doch hier waren die Kontrolleure die Betrüger: Sechs Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die keine Lust auf ihren unbeliebten Job hatten, erschlichen sich von der Bahn den Lohn für fast 1000 geschwänzte Stunden Arbeits. Schlimmer, um ihr Blaumachen zu vertuschen, erfanden sie Fälle von Schwarzfahrern – und nutzen dabei die Personalien von existierenden Personen.

    Der finanzielle Schaden für ihren Arbeitgeber, eine Münchner Sicherheitsfirma, betrug 12.595 Euro, verlas die Staatsanwaltschaft bei der gestrigen Verhandlung im Amtsgericht. Viel höher war der Schaden für die falsch Beschuldigten: Einige von ihnen wurden von der S-Bahn angezeigt und als angebliche Wiederholungs-Schwarzfahrer zu Strafen verurteilt.

    Betrügerbande vor Gericht: Fantasie-Schwarzfahrer mit echten Namen erfunden

    Nach Auskunft des Gerichts dürften von der Bande rund 50 Personen fälschlich angeschwärzt worden sein, eine „Fahrpreisnacherhebung“ zahlen zu müssen, wie es im Kontrolleurs-Jargon heißt. Die sechs Kontrolleure schickten sich die Ausweisfotografien der „Auserwählten“, allesamt aus früheren echten Fällen gesammelt, gegenseitig in einer Whatsapp-Gruppe zu. „Schick mir Romäner“, lautete dabei der Code. Allein der Angeklagte Flavio M., dessen Handy die meisten Indizien lieferte, verwendete die Personalien der Opfer in 65 Fällen. Über dieselbe Whatsapp-Gruppe organisierten die Bandenmitglieder auch ihre freien Stunden: Sie sprachen sich am Tag vorher genau ab, wann welche Teams angeblich ab 3 Uhr morgens bis Schichtende um 14 Uhr in welchen Bahnen kontrolliert haben sollten. Übereinstimmend trugen sie dann die Dienstzeiten und Fahrten in ihre elektronischen Erfassungsgeräte ein. Wobei sie zuhause blieben oder zumindest keinen Fuß in eine S-Bahn setzten. Der Schwindel flog letztlich auf, weil eine der erfundenen Schwarzfahrerinnen von Flavio M. an drei behaupteten Kontrollterminen ein sicheres Alibi hatte – sie war im Gefängnis. Von da an ermittelte die Bundespolizei.

    „Sie wurden stark unter Druck gesetzt“

    Alexandra Markowitz, Anwältin einer der Angeklagten, erklärt: „Die Kontrolleure mussten monatlich eine bestimmte Zahl an Schwarzfahrern liefern, die nicht einfach zu erbringen war. Sie wurden stark unter Druck gesetzt. Dass sie einander mit Fällen aushalfen, war gang und gebe.“ Ähnliches bestätigte ein Zeuge der Bundespolizei: „Ihr Arbeitgeber gab den Kontrolleuren eine Erfolgsquote von 1,3 Schwarzfahrern pro Stunde vor.“ Er sei deshalb zunächst davon ausgegangen, dass die Bandenmitglieder Kopfgelder für Schwarzfahrer kassieren wollten.

    Doch die Fälle seien tatsächlich zur Verschleierung der nicht geleisteten Arbeitsstunden erfunden worden, das hätten die Handy-Chats letztlich ergeben. Da es in dem bewussten Sicherheitsunternehmen in den Jahren 2019 und 2021 ganz ähnliche Fälle - aber mit anderen Beteiligten - gegeben habe, ist er sich zudem sicher: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs, die wir hier haben.“

    Alle sechs Bandenmitglieder gestanden die Taten aus den Jahren 2018 und 2019, gelobten Besserung. Sie erhalten nach Angaben der Anwälte Strafen von 15 bis 24 Monaten auf Bewährung. Die S-Bahn München meldet derweil, dass sie Fahrscheinkontrollen schon seit einigen Jahren nicht mehr von privaten Sicherheitsfirmen durchführen lässt, sondern nur noch von hauseigenem Personal oder der DB Sicherheit.

  • Logische Folge der Privatisierung von Überwachung und Sicherheit im gesamtgesellschaftlichen Sinn, im Kleinen bei Strafzettel bis hin zu privaten Gefängnissen oder Söldnerarmeen.

  • Da bin ich zu 100% bei dir. Vor Allem die geforderte Erfolgsquote macht aber diese Geschichte aus.

    Im ersten Schritt werden Faelle erfunden um das Soll zu erreichen, dann sieht man, das funktioniert und bleibt gleich zu Hause.