Der Herr der Ringe: "Nächster Halt: Mordor!" - Gibt es Züge in Mittelerde?

  • Der Herr der Ringe: "Nächster Halt: Mordor!" - Gibt es Züge in Mittelerde?
    Wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht, aber doch scheint es sie zu geben, die Züge in Mittelerde. J.R.R. Tolkien selbst erwähnt sie immerhin in "Der Herr…
    www.netzwelt.de

    07. Februar 2024 um 18:15 Uhr


    Tjark Lorenzen

    Wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht, aber doch scheint es sie zu geben, die Züge in Mittelerde. J.R.R. Tolkien selbst erwähnt sie immerhin in "Der Herr der Ringe"!

    Autos gibt es in Mittelerde natürlich nicht, genauso wenig wie Flugzeuge oder andere moderne Fortbewegungsmittel. Pferde und Pferdekutschen sind hier also die beste Wahl, wenn man schnell reisen will und nicht zufällig einen Gefallen bei den Adlern aus dem Nebelgebirge einfordern kann.

    Einfach mal spontan für mehrere Monate quer durch Mittelerde reisen - dafür musste sich kein Mitglied von Frodos Gefährten Urlaub nehmen. Haben sie alle keinen Beruf?

    Doch ein kurzer Moment in "Der Herr der Ringe: Die Gefährten" deutet die Existenz eines anderen Verkehrsmittel in Mittelerde an, das die Gefährten vielleicht etwas schneller nach Mordor gebracht hätte. Denn obwohl wir sie nie zu sehen bekommen, gibt es in der Welt von "Der Herr der Ringe" scheinbar Züge!

    Es ist allgemein bekannt, dass J.R.R. Tolkien dem technischen Fortschritt und der Industrialisierung sehr kritisch gegenüberstand - dem Verbrennungsmotor ganz besonders. Daher überrascht es ein wenig, dass es in Mittelerde plötzlich Züge geben soll, doch es war Tolkien selbst, der die Züge in "Die Gefährten" erwähnte.

    Während Bilbos Geburtstagsfeier im Auenland bestaunen die Hobbits Gandalfs spektakuläres Feuerwerk. Dabei heißt es:

    Zitat

    Und dann kam noch eine letzte Überraschung, Bilbo zu Ehren, und jagte den Hobbits einen gewaltigen Schreck ein, wie Gandalf durchaus beabsichtigt hatte. Die Lichter gingen aus. Eine dicke Rauchwolke stieg auf. Bald sah sie aus wie ein Berg in der Ferne, und der Gipfel begann zu glühen. Er spie grüne und scharlachrote Flammen.

    Hervor kam ein rotgoldener Drache, nicht in Lebensgröße, doch fürchterlich naturgetreu: Flammen loderten aus seinem Rachen, seine Augen warfen blendende Strahlen zur Erde, und mit einem tosenden Geräusch fegte er dreimal über die Köpfe der Menge hinweg. Alle duckten sich, und manche warfen sich flach auf den Bauch. Wie ein Expresszug brauste der Drache davon, schlug einen Purzelbaum und explodierte mit ohrenbetäubendem Krachen über Wasserau.

    J.R.R. Tolkien, "Der Herr der Ringe: Die Gefährten", S. 55 f.

    Hier wird also ein Expresszug erwähnt - ein anschaulicher Vergleich für die Leser, der aber zeitgleich Expresszüge in die Welt von Mittelerde bringt. Hier handelt es sich um das sogenannte "Moss-Troll-Problem", das von der Autorin Marissa Lingen definiert wurde.

    Dabei geht es darum, dass es Autoren, die Geschichten aus der Welt der Urban Fantasy verfassen, leichter haben, da sie moderne Vergleiche in ihren Geschichten benutzen können. Bei klassischen Fantasygeschichten, die keine oder kaum Berührungspunkte mit der echten Welt haben, benötigt man jedoch einen Vergleich, der innerhalb dieser Welt Sinn ergibt.

    Wenn man also schreibt, dass die Augen einer Schlange gefärbt sind wie der Speichel eines Moostrolls, bringt das automatisch Moostrolle in diese Fantasywelt, selbst wenn sie eigentlich nur als einmaliges, stimmiges Beispiel dienen sollten.

    Sarah Monette von der "Science Fiction & Fantasy Writers Association" fügt hinzu, dass man somit auch keine Klinge als "scharf wie eine Guillotine" beschreiben kann, sofern es in diesem Fantasy-Universum nicht auch einen Dr. Joseph-Ignace Guillotin gibt, nach dem diese benannt wurde.

    Tolkien mangelte es hier also an einem passenden Gegenstück aus seinem eigenen Universum. Das Drachen-Feuerwerk war schnell, aber wie schnell? Schnell wie ein fliegender Drache selbst sicherlich, aber das wäre ein wenig hilfreicher Vergleich für die Leser. Der Expresszug erfüllt seinen Zweck, würde einen aber aus der Geschichte herausreißen, wenn es Züge nicht auch in Mittelerde gibt.

    Mittelerde aus "Der Herr der Ringe" scheint, wie so viele Fantasy-Schauplätze, kaum Bezüge zur Moderne aufzuweisen. Doch ein Uruk-hai änderte diese Annahme in "Die Zwei Türme".

    Die "Der Herr der Ringe"-Romane verzichten sonst vollständig auf derartige Vergleiche, somit ist es einem selbst überlassen, ob man Tolkiens Erwähnung von Expresszügen als unpassenden Ausreißer oder als Beweis für die Existenz von Zügen in Mittelerde verstehen will.

    In Isengart war die Industrialisierung schon weit fortgeschritten, doch auch hier wurden nie Züge erwähnt oder in den Filmen gezeigt. Man darf aber annehmen, dass Züge über kurz oder lang eh durch Mittelerde gefahren wären, wenn Sauron gesiegt und sich die Orks und Uruks somit weiter ausgebreitet hätten. Für Tolkien selbst sicher eine äußerst trostlose Vorstellung!

  • :D

    Einfach mal spontan für mehrere Monate quer durch Mittelerde reisen - dafür musste sich kein Mitglied von Frodos Gefährten Urlaub nehmen. Haben sie alle keinen Beruf?

    Dazu möchte ich kurz anmerken (auch wenn's rhetorisch-lustig gemeint war), dass sich unser Demokratieverständnis, Freiheitsverständnis und Arbeitsverständnis, so wie wir es heute kennen, erst in den letzten 200 Jahren gebildet hat und geformt wurde. Davor hätte selten jemand so eine Frage gestellt.